Gedanken-Aussöhnung 2012

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Gedanken von IMKA / Anke Ikelle-Matiba

zum Projekt: „Eckstein“,

gestaltet von IMKA und Manfred Weil

als Teil des internationalen Friedensprojekts für den "Erinnerungs- und Friedenshügel" aller Völker und Religionen in Auschwitz /Oswiecim in Polen

 

Es ist das Wort Auschwitz, das in mir tausende von Bildern erscheinen lässt, die ich nie in der Realität gesehen habe. Es ist das Wort Auschwitz, das in mir tausende Gefühle wachruft, die ich nicht selber verursacht habe. Es ist das Wort Auschwitz, das mich schon vor meiner Geburt 1946 an mein Volk und seine Vergangenheit gebunden hat und weiter bindet, das mir die Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft auferlegt und einfordert.

Auschwitz ist für mich eine große und tiefe Wunde im Körper der Menschheit. Seit meiner Kindheit empfinde ich diese Wunde in mir selbst, obwohl ich nach dem Krieg und nach der Nazi-Herrschaft geboren wurde. Linderung und vielleicht auch Heilung ist nur möglich, wenn man auf die Wunde blickt, sie reinigt, sie mit natürlichen Salben und Tinkturen sanft bestreicht und ihren Verband regelmäßig wechselt. Wichtig ist vor allem, dass man sie nicht aus dem Bewusstsein verdrängt, selbst dann nicht, wenn der Schmerz nachgelassen hat. Ein Aufreißen der Wunde ist jederzeit möglich.

Es ist mein Großvater, Christ und Menschenfreund, selbst ein Verfolgter der Nazi-Herrschaft, der mich hat sensibel werden lassen für die Gefahren, die entstehen, wenn man bei Missachtung von menschlichem Leid wegschaut, wenn man bei menschlichen Schreien die Ohren zuhält, wenn man bei Ungleichbehandlung der Mitmenschen stumm bleibt. Und all dieses in der Hoffnung, nie selbst betroffen zu sein. Mein Großvater, meine Großmutter und meine Mutter haben mir vorgelebt, dass man immer betroffen ist, wenn Menschen betroffen sind, weil man selber ein Mensch ist.

Leider war mein Vater, bei dem ich zum Glück nicht aufgewachsen bin, ein Täter in der Nazizeit. Er blieb uneinsichtig bis zu seinem Tod im Alter von 73 Jahren.

Diese beiden Gesichter meines Volkes und meiner Familie haben das Thema: Mitmenschlichkeit und Menschenverachtung zu meinem Lebensthema werden lassen, und Heilung, Aussöhnung und Achtsamkeit wurden zu einer Lebensaufgabe.

In der Kunst habe ich seit vielen Jahren mit zahlreichen Kunstprojekten das Ziel verfolgt, die Verständigung zwischen den Menschen unterschiedlicher kultureller Hintergründe zu erleichtern und zu vertiefen. So entstand in mir diese Überzeugung:

Alle Menschen sind gleich und doch verschieden. Das Gleiche verbindet und das Verschiedene bereichert. Auf der ganzen Welt gibt es Menschen, die eine ähnliche Überzeugung haben. Alle diese Menschen sind mir seelenverwandt.

Mit dieser Überzeugung im Herzen treffe ich wie zufällig meine Seelenverwandten. Manchmal leben sie auf der anderen Seite des Globus und manchmal wohnen sie in der Nachbarstadt, so wie Manfred Weil. Manfred Weil ist ein Künstler, genauso alt wie meine Mutter, 1920 geboren. Ich zitiere hier aus seinem Buch: „Sein oder Nichtsein“ verfasst von Mechthild Kalthoff nach Tonbandaufzeichnungen und Gesprächen mit Manfred Weil. Manfred Weil wurde 1920 in Köln geboren. „ Vom nationalsozialistischen Rassenwahn verfolgt, flieht der jugendliche Manfred Weil 1939 nach Belgien, wo er nach dem Einmarsch der deutschen Truppen als feindlicher Ausländer, nach Frankreich abgeschoben wird; er entflieht der Todesfalle Gurs und taucht in Belgien unter, ehe er sich entschließt, als belgischer Fremdarbeiter getarnt, in der „Höhle des Löwen“ in Deutschland Zuflucht zu suchen. Es ist die Geschichte von Flucht, Lagern und Gestapo-Verhören, von Maskeraden, absurden Zufällen und glücklichen Fügungen, kurz eine Geschichte des Überlebens!“ Viele Familienmitglieder, so auch sein Vater, sind in Auschwitz getötet worden. Ich werde von Freunden und Bekannten immer wieder gefragt: „Wie kommst Du zu diesen Kontakten.“ Eine eindeutige Antwort habe ich nicht bereitliegen. Weil ich über diese Fügungen selbst immer wieder erstaunt bin. In diesem Fall hatte ich mich 2010 einem Friedensprojekt angeschlossen. Es sollte eine Ausstellung in Auschwitz stattfinden zusammen mit einem Schülerprojekt, der Einweihung eines Kirchenfensters in Kraków /Krakau und der Aufführung eines Chororchesters aus Köln. In diesem vernetzen Projekt hatte ich mir mein eigenes kleines Projekt überlegt. Ich wünschte einen jüdischen Künstler oder eine jüdische Künstlerin in meinem Wohnort Bonn, kennenzulernen. Diese Person wollte ich für das Projekt begeistern und dann gemeinsam mit dieser Person und zusammen mit meiner polnischen Freundin und den Kunstobjekten nach Auschwitz fahren, um nicht nur an der Ausstellung teilzunehmen, sondern gleichzeitig das ehemalige Konzentrationslager zu besuchen. Natürlich waren diese Gedanken für mich emotional sehr belastend.

Als ich einer Freundin mein Ansinnen vorstellte, wies sie mich auf die Ausstellung eines jüdischen Künstlers in Bonn hin. Da sie in der „Deutsch-Israelischen Gesellschaft“ in Bonn Mitglied ist, kannte sie die Religion des Künstlers. Es war Manfred Weil. Er wohnt in der Nachbarstadt und hatte seine Ausstellung etwa 1 km von meiner Wohnung entfernt. Ich war begeistert von seinen Bildern und ebenso von ihm und seiner Frau Alisa, die dem Rassenwahn durch die Ausreise ihrer Eltern nach Israel entkommen ist. Wir lernten uns kennen. Ich konnte ihn von dem Projekt in Polen überzeugen und nahm zwei seiner Bilder mit nach Oswiecim/Auschwitz. Für ihn selbst war die Reise zu anstrengend. Zusammen mit meiner polnischen Freundin besuchte ich das Vernichtungslager. Ich war tief ins Herz getroffen.

Während der Ausstellung lernte ich den ehemaligen Oberbürgermeister von Oswiecim, Janusz Marszalek, kennen und schätzen. Wie man mir berichtete, hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass aus Auschwitz, der Stadt der Menschenvernichtung, Oswiecim, die Stadt des Friedens wurde. Von ihm wurde auch die Idee an mich herangetragen, einen Stein zu stiften für das Friedensprojekt der besonderen Steine aus aller Welt.

Manfred Weil und ich haben einen Stein bemalt. Die Motive stammen aus der gemeinsamen Heiligen Schrift, aus dem „Hohe Lied Salomos“. Den Stein haben wir „Eckstein“ getauft, weil er symbolisch zwei verschiedene Seiten eines Hauses miteinander verbindet, das Judentum und das Christentum. Während der Arbeit am Stein ist Heilkraft in meine Seele geflossen und die Hoffnung und Zuversicht, dass auch in den zukünftigen Betrachtern des Steins die verbindende Liebe und Heiterkeit geweckt werden kann. Ja, das wünsche ich mir!

Unser "Eckstein“ von Manfred Weil und mir ist jetzt fertig. Wir, Manfred Weil, seine Frau Alisa und ich haben den Eckstein zum 90. Geburtstag, dem wesentlichen Mitinitiator des Erinnerungs-und Friedenshügels, Herrn Dr. Mlynarski, im Mai 2012 nach Monheim gebracht. Von hier aus hat der „Eckstein“ seinen Weg nach Ocwiecim/ Auschwitz fortgesetzt. Meine Freundin, Frau Dr. Aust, die mir den Weg zu Manfred Weil gewiesen hat, haben wir gebeten, uns zum Festakt zu begleiten, und sie hat freudig zugestimmt. Auch meine finnische Freundin, Marija Liisa Estola, die zu dieser Zeit für zwei Wochen mein Gast war, hat am Festakt teilgenommen. Auf diese Weise fand ein kleines Projekt im großen Projekt der Aussöhnung und des Friedensweges einen würdevollen Abschluss.

Ich danke allen guten Geistern des Himmels und der Erden, die mich unterstützt haben, diese Herzensangelegenheit zu verwirklichen.

"Eckstein" IMKA u. Manfred Weil, 2012 siehe, "Besinnliche Bilder"